Deutschland 2041: Welche Rolle Besitz und Eigentum in Zukunft spielen werden

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Deutschland 2041: Welche Rolle Besitz und Eigentum in Zukunft spielen werden

HANDLUNGSRELEVANZ

Die iBusiness-Handlungsmatrix zeigt, wie langfristig die vorgestellten Aufgaben angegangen werden müssen.

TL;DR
Gewachsene Strukturen, fehlende Standards und Sicherheitsbedenken bremsen die Digitalisierung der deutschen Industrie. Trotzdem steigt ihr Vernetzungsgrad bis 2041 stark an.

Sharing, Collaborative Consumption, Couchsurfing – die Idee des gemeinsam genutzten Eigentums ist derzeit höchst angesagt – auch wenn sie nicht wirklich neu ist. Maschinenringe, Mitfahrgelegenheiten und Kleiderkreisel gibt es schließlich schon seit Jahrzehnten. Doch in jüngster Zeit hat die Idee noch einmal richtig Fahrt aufgenommen. Unter dem Stichwort Sharing Economy – oder kurz: Shareconomy – wird der Idee gar zugetraut, die Weltwirtschaft nachhaltig umzukrempeln. Das Time Magazin hat das Konzept des gemeinschaftlichen Eigentums im Jahr 2011 gar zu einer der 10 Ideen gekürt, die die Welt verändern werden.

Und tatsächlich: Sharing-Angebote wie Car2go , Drivenow , Flinkster , Callabike , Airb’n’B oder Blablacar haben das Prinzip von Teile-und-Tausche nicht nur populär, sondern auch stylisch gemacht. Sharing ist aus der Öko-Ecke ausgebrochen und in die angesagten Hipster-Viertel eingezogen. Im Zuge dieser Entwicklung, wirkt plötzlich selbst so etwas Banales wie ein Taxidienst höchst visionär. Unter dem Label der „Shareconomy“ konnte Uber immerhin Milliarden an der Börse einsammeln, ohne substanziell etwas anderes zu bieten, als es jeder Droschkenfahrer seit Jahrzehnten tut. Mit dem einzigen Unterschied vielleicht, dass für viele Amerikaner, die außerhalb von New York City leben, Taxis tatsächlich so etwas wie eine Entwicklung von Außerirdischen sind.

Wie Sharing die Gesellschaft wirklich verändert

Am Beispiel Uber zeigt sich auch, wie notwendig es ist, das disruptive Potenzial der Shareconomy kritisch zu hinterfragen. Denn vieles von dem, was unter dem schicken Label verkauft wird, ist in Wahrheit gar nicht neu. Wo also ist wirklich die echte Innovation, wo liegt der disruptive Nukleus? Was kann die Digitalwirtschaft dazu beitragen? Und vor allem: Wird die Shareconomy unsere Welt in 25 Jahren tatsächlich nachhaltig verändern? Welche Bedeutung haben Besitz und Eigentum noch, wenn wir alles tauschen?

Prof. Dr. Birger Priddat, Lehrstuhl für Volkswirtschaft und Philosophie an der Universität Witten/Herdecke.:
„Sharing Economy als Prinzip ist ja nicht neu. Jetzt gibt es aber den größeren Trend der Zunahme dieser Art von Kooperation-Ökonomie, als neue Version der kapitalistischen Entwicklung oder sogar als Alternative zum Kapitalismus.“

Um sich diesen Fragen zu nähern, ist zunächst wichtig, die gesellschaftliche Funktion von Besitz und Eigentum zu klären. Schon auf den ersten Blick ist offensichtlich, dass Besitz und Eigentum nicht dasselbe sind. Eine Bank kann Eigentümer eines Fahrzeugs sein, der Kreditnehmer ist trotzdem der Besitzer und kann – sofern er seine Raten bezahlt – jederzeit frei darüber verfügen. Eigentum und Besitz übernehmen ganz unterschiedliche Aufgaben, die – um die Sache komplizierter zu machen – meist in einem Gegenstand vermischt sind.

  • Eigentum repräsentiert einen Vermögenswert. Am klarsten wird dies bei Wertgegenständen, Gold oder Kunst. Auch Bargeld erfüllt diese Funktion – unabhängig davon, dass man es streng genommen besitzen kann. Es repräsentiert ebenfalls einen reinen Vermögens- und kaum Nutzwert. Die Rolle des Vermögens bleibt exklusiv dem Eigentum vorbehalten.
  • Besitz an einem Gegenstand verspricht hingegen einen Nutzen. Der Besitz einer Bohrmaschine gibt etwa die Möglichkeit, zu einer beliebigen Zeit viele Löcher bohren zu können. Dieser Nutzen hat ebenfalls einen Wert, ist aber unabhängig vom Vermögenswert.

Der Vermögenswert wird im Beispiel der Bohrmaschine durch den Materialwert der Bohrmaschine definiert und gehört exklusiv dem Eigentümer. Dieser Wert existiert selbst noch dann, wenn die Bohrmaschine rettungslos defekt ist.

Zu diesem Wert addiert sich der Gebrauchswert der Bohrmaschine. Er definiert sich über den durch die Benutzung erzielbaren Mehrwert. Der Gebrauchswert existiert nur, solange die Bohrmaschine funktionsbereit ist und nutzt sich entsprechend ab. Dieser Wert gehört dem Besitzer der Bohrmaschine und lässt sich leicht vermieten.

Die Trennung von Vermögens- und Gebrauchswert ist keine Erfindung der Shareconomy. Schon seit Jahrhunderten wird etwa bei Grundstücken unterschieden, ob lediglich das Recht zur Nutzung (Erbpacht) oder das tatsächliche Eigentum verkauft wird .

Sharing auf dem Boden der Tatsachen

Rachel Botsman, Autorin des Buchs „What’s mine is yours. The Rise of Collaborative Consumption“:
„Die neue Ökonomie des Teilens dient dazu, dass nicht genutzte Kapazitäten von Wohnungen, Autos oder menschlichem Wissen noch besser verwertet und effizienter genutzt werden. Hier werde kapitalisiert, was dem Wirtschaftskreislauf bisher entzogen war.“

Ganz offensichtlich wird in der Shareconomy immer der Gebrauchs-, nie der Vermögenswert geteilt. Aufgrund dieser Überlegung ist es wichtig folgendes festzuhalten: Die disruptive Kraft des Shareconomy reicht nicht in die Vermögensverteilung heran – mit allen ökonomischen und sozialen Konsequenzen. Egal wie viele Wohnungen, Autos, Kleider, Bohrmaschinen getauscht, gemietet, geteilt werden – Eigentum, Vermögen und Kapital werden dadurch weder umverteilt noch obsolet oder irgendwie unwichtig.

Dies nimmt der Explosivität des Sharing-Gedankens zwar einiges an Kraft und besonders kühnen Sozial-Utopien die Spitze – orientiert sich aber nun einmal an der Realität.

Stand heute: Die Entwöhnung vom Eigentum ist in vollem Gange

Was bleibt, ist das Feld des Besitzes und des Gebrauchswerts. Hier kann die Shareconomy disruptives Potenzial entfalten. Doch was ändert sich genau? Werden wir weniger Autos bauen, weil wir alle Carsharing nutzen und ein Auto nur dann „besitzen“, wenn wir es wirklich brauchen? Wird die Fahrt günstiger, wenn wir nur den Nutzen, aber nicht den Gegenstand bezahlen? Wird sich gar unsere komplette Einstellung dem Konsum gegenüber verändern, weil Eigentum eine untergeordnete Rolle spielt?

Tatsache ist, dass sich unsere Einstellung zu Eigentum und Besitz schon in den vergangenen 20 Jahren drastisch verändert hat. Dieser Prozess hat so schleichend eingesetzt, dass viele ihn gar nicht wahrgenommen haben.

Eigentum, Besitz und Nutzen entkoppeln sich

Der Eigentumsbegriff hat sich bei Software schon seit den 80er-Jahren kontinuierlich aufgelöst. Während anfangs wenigstens noch Datenträger in – aus Marketinggründen – möglichst großen Kartons verkauft wurden, erwarten wir heute völlig selbstverständlich, im Appstore eine Software zu laden, die auch dann noch benutzbar ist, wenn das Smartphone verloren oder zurückgesetzt ist. Wir würden es im Gegenteil als unpraktisch empfinden, wenn die Nutzung an einen konkreten Datenträger oder Download gebunden wäre. Dasselbe gilt inzwischen für Film, Musik oder E-Books. Das Eigentum hat seine Bedeutung als Kennzeichen für ein Nutzungsrecht verloren.

Diese Entwöhnung ist keineswegs auf virtuelle Güter beschränkt. Wenn wir heute ein Smartphone erwerben, kaufen wir im Wesentlichen ein Ding mit der Nützlichkeit eines Steins. Der Gebrauchswert entsteht erst durch die Aktivierung des Geräts und damit durch einen Lizenzvertrag, der keinerlei Eigentum verspricht. Dasselbe Szenario hat Tesla realisiert, als für das Model S die Funktion des Autopilots als 2.000-Dollar-In-App-Kauf angeboten wurde.

Extrem granulare Abrechnung des Nutzens

Die Bedeutung dieser Geschäftsvorfälle wird in Zukunft zunehmen. Immer mehr Gegenstände werden durch das Internet-der-Dinge (IoT) vernetzt und mit digitalen Zusatznutzen ausgestattet. Eine drahtlose Klingelanlage kann problemlos die Türklingel über das Internet „verlängern“ oder zur Raumüberwachung eingesetzt werden. Automobile können auf Knopfdruck mit Zusatz-PS – inklusive entsprechender temporärer Anpassung des Versicherungsvertrags – ausgestattet werden. Immer häufiger werden Nutzen und Nutzung eines Gegenstands in Zukunft nicht mehr über den Eigentumserwerb, sondern über einen Lizenzvertrag geregelt.

Die disruptive Kraft der Shareconomy entsteht also keineswegs – wie oft postuliert – weil neue ökonomische Prinzipien eingeführt oder bestehende auf den Kopf gestellt würden. Die Trennung zwischen Vermögens- und Gebrauchswert ist ein genauso alter Hut, wie die isolierte Abrechnung des Gebrauchswerts in einem Mietmodell. Ökonomisch neu ist dagegen, dass Distributions- und Produktionskosten für einen Zusatznutzen entfallen bzw. gegen null tendieren und dadurch eine extrem punktuelle Abrechnung einer Funktion möglich wird (siehe iBusiness: Crowd und Rüben: Die tatsächlichen Gewinner der Sharing Economy.

Um herauszufinden, was die Zukunft von Besitz und Eigentum in den nächsten 25 Jahren in welcher Weise und Stärke beeinflusst, haben wir eine Einflussanalyse durchgeführt. Dafür haben wir gut 30 potenzielle Faktoren definiert, die einen Einfluss auf die Industrie haben könnten. Die Stärke ihres Einflusses auf die industrielle Fertigung haben wir ermittelt und in einer Einflussmatrix aufgetragen:

Die Einflussanalyse ist eine wissenschaftliche Methode der Zukunftsforschung. Dabei werden in einem ersten Schritt potenzielle Einflussfaktoren gesammelt. Für sie wird in einem zweiten Schritt in einer Kreuzmatrix gegenseitig überprüft, ob die einzelnen Faktoren einen schwachen, starken oder keinen Einfluss aufeinander ausüben. Ein entsprechender Wert von 0-3 wird eingetragen. Die Werte aller Zeilen und Spalten werden aufaddiert. Nun kann sowohl festgestellt werden, wie hoch für den jeweiligen potenziellen Einflussfaktor der kumulierte aktive Einfluss (beeinflusst) und wie hoch der kumulierte passive Einfluss (wird beeinflusst) ist. Hohe Aktivsumme und hohe Passivsumme identifizieren kritische Faktoren (vernetzt), hohe Aktiv- und niedrige Passivsumme aktive Faktoren (Hebel). Niedrige Aktivsumme und hohe Passivsumme identifizieren hingegen passive Faktoren (Indikatoren). Generell niedrige Werte entlarven träge Faktoren (Puffer).
Lesebeispiel: Der Netzausbau erhält eine hohe Aktiv- und niedrige Passivsumme. Er beeinflusst die Industrieentwicklung also stark und wird selbst von wenigen anderen Faktoren beeinflusst. Er ist also ein starker Hebel für die Industrie; gibt es hier große Änderungen, beeinflusst das die Industrie stark. Umgekehrt hat Produktivität eine niedrige Aktiv- und hohe Passivsumme. Da sich Produktivität von vielen anderen Faktoren beeinflussen lässt, selbst aber wenig beeinflusst, ist ihr Einfluss auf die Industrie gering.

Auf Basis der Matrix haben wie acht Faktoren ermittelt, die den Fortschritt der Industrie am stärksten beeinflussen – sie gehören zu den vernetzten und den Hebel-Faktoren. Für diese Trendindikatoren haben wir allgemeine Thesen formuliert und daraufhin untersucht, auf welche Art und Weise sie die Produktion in den nächsten 25 Jahren beeinflussen werden:

1. Autonomie und Selbstverwirklichung

Thesen:

  • Autonomie und Selbstverwirklichung sind soziale Grundbedürfnisse, Menschen streben grundsätzlich danach.
  • Ausgleichend steht ihnen das Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit entgegen.

Auswirkung:
Soziale Grundbedürfnisse sind in der Regel starke Treiber mit großer Hebelwirkung. Sie beeinflussen viele andere Faktoren, können aber selbst kaum beeinflusst werden. Autonomie und Selbstverwirklichung bilden eine Ausnahme: Einerseits stößt das Streben nach Selbstverwirklichung andere Entwicklungen an. Andererseits gibt es mit dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit auch ein gegensätzliches Grundbedürfnis. Das Bedürfnis nach Autonomie ist daher ein vernetzter Faktor, der in beide Richtungen wirkt: Einerseits fordert das Individuum die Shareconomy, weil Waren und Dienstleistungen leichter zugänglich werden. Andererseits dämpft der Faktor auch, da mit dem Verzicht auf Besitz auch Autonomie abgegeben wird.

Vertrauen wird zum entscheidenden Faktor: Nur wenn der Nutzer fest daran glauben kann, dass er mit Erwerb einer Löcher-Bohr-Lizenz auch tatsächlich jederzeit Löcher bohren kann, wird er zur virtuellen Währung einer Lizenz greifen. Anderenfalls kauft er doch lieber eine eigene Bohrmaschine und damit eine in einem Ding manifestierte Löcher-Bohr-Lizenz.

2. Urbanisierung

Thesen:

  • Urbanisierung wird bis 2045 in Deutschland und weltweit zunehmen.
  • Urbanisierung ist ein Mittel zur effektiven Vernetzung von Menschen.

Auswirkung:
Urbanisierung wirkt auf die Shareconomy als Beschleuniger. Ressourcen lassen sich besser teilen, wenn eine kritische Masse erreicht ist. Der Verleih von Bohrmaschinen, Autos oder Fahrrädern ist nur dann effizient, wenn eine ausreichend verdichtete Nachfrage herrscht. Rege Nachfrage führt zu einem weiter verbesserten Angebot, das wiederum für steigende Nachfrage sorgt. Das System stabilisiert sich. Zugleich wird es in verdichteten Lebensräumen auch attraktiver, Besitz zugunsten von Nutzen aufzugeben. Erst wenn Ressourcen knapp werden – egal ob Parkplätze oder Wohnraum – macht eine effektive Bewirtschaftung richtig Sinn. Solange Überfluss herrscht, lohnt sich der Aufwand nicht. Shareconomy ist ein wichtiges Instrument zur Effizienzsteigerung.

3. Konsumverhalten

Thesen:

  • Konsum ist eine treibende Kraft in jedem Wirtschaftssystem.
  • Es gibt ein Grundbedürfnis nach Wachstum. Menschen streben auch im Konsum danach.

Auswirkung:
Das Konsumverhalten ist ein ganz wesentlicher Faktor für die Zukunft von Besitz und Eigentum. Dabei ist davon auszugehen, dass der Vektor des Konsums insgesamt weiter noch oben zeigt, sofern es die ökonomische Lage zulässt. Dies ist auch der Grund, weshalb das Konsumverhalten zwar eine hohe treibende Kraft hat, noch stärker aber selbst getrieben wird – von Einkommensentwicklung und Statusbedürfnis beispielsweise. Entsprechend ist das Konsumverhalten ebenfalls ein stark vernetzter Faktor und wird in den nächsten 25 Jahren prägend für unser Verhältnis zu Besitz und Eigentum sein.

4. Einkommensentwicklung

Thesen:

  • Das Grundbedürfnis nach Wachstum sorgt dafür, dass Menschen nach steigendem Einkommen streben.
  • Die Einkommensentwicklung ist schwer zu beeinflussen.

Auswirkung:
Die Einkommensentwicklung ist ein wichtiger Treiber für das Konsumverhalten und damit für unsere Einstellung zu Besitz und Eigentum. Dabei dürfte die Gleichung gelten: Hohes Einkommen = hoher Konsum = Gebrauchsnutzen steht im Vordergrund. Sinkende Einkommen dürften dagegen eher dazu führen, dass stärker auf Vermögenswerte (= Eigentum) geachtet wird. Zugleich steigen die Ansprüche an Wirtschaftlichkeit, Kosten und der Sparwille. Bei der Einkommensentwicklung überwiegt knapp die Hebelwirkung. Das bedeutet: Sie beeinflusst viele Faktoren, lässt sich aber selbst sehr viel schwerer beeinflussen.

5. Wirtschaftlichkeit, Kosten, Sparwille

Thesen:

  • Die Steigerung von Wirtschaftlichkeit wird immer dann besonders attraktiv, wenn eine Ressource knapp wird.

Auswirkung:
Es gibt kein ausgeprägtes Grundbedürfnis nach Wirtschaftlichkeit zu handeln. Allerdings wird der Wille nach Effizienz von Statusbedürfnis und Konsumverhalten gepaart mit Ressourcenverknappung (Stichworte Einkommen und Urbanisierung) getrieben. Auch das soziale Gewissen kann eine Rolle spielen. Sprich: Sobald aufgrund einer Verknappung Einschränkung im Konsumverhalten droht oder bei einer knappen Ressource eine Konsumwachstum nur durch eine höhere Wirtschaftlichkeit möglich ist, wird darauf geachtet. Auch ökologische Gründe können eine Rolle spielen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass dieses Motiv zwar häufig genannt wird, die treibende Wirkung jedoch deutlich hinter den anderen Einflussfaktoren zurück bleibt – wie auch im Chart zu sehen.

6. Shareconomy

Thesen:

  • Die Shareconomy ist Indikator für einen Wandel unserer Einstellung von Besitz und Eigentum – aber kein Treiber der Entwicklung

Auswirkung:
Die Shareconomy ist weit weniger disruptiv als angenommen. Bei genauer Betrachtung dient sie als Indikator für eine Entwicklung, in der wir Besitz und Eigentum anders bewerten. Die Shareconomy – also die Bereitstellung von Leih-, Tausch- und Miet-Angeboten – hat zwar durchaus selbst einigen treibenden Einfluss, noch stärker wird sie aber selbst von den oben genannten Faktoren getrieben. Bedeutet: Shareconomy ist die Antwort auf soziale Grundbedürfnisse (Status, Autonomie) und gesellschaftliche Entwicklungen (Konsum, Urbanisierung, Einkommen), aber nicht Treiber dieser Entwicklungen.

Zukunftsabschätzung: Vier Szenarien für 2041

Aus den bisherigen Entwicklungen und der Abschätzung der acht Trendindikatoren ergeben sich für die Zukunft von Besitz und Eigentum 2041 vier mögliche Szenarien:

Szenario 1: Sharing Economy ist ein alternatives Wirtschaftssystem, in dem Besitz und Eigentum unwichtig werden

Wahrscheinlichkeit:

Ein besonders krasses Missverständnis die Sharing Economy betreffend, ist die Meinung, sie könne Besitz- und Eigentumsverhältnisse ändern. Tatsächlich berührt sie diese jedoch gar nicht. Und auch die Rolle von Besitz ändert sich nicht grundsätzlich. Einzig der Zusammenhang zwischen Eigentum und Besitz wird weiter aufgelöst. Mit der Sharing Economy wird es einfacher, nur den akut benötigten Gebrauchswert eines Gegenstands zu erwerben, ohne zugleich (zumindest vorübergehend) den zukünftigen Gebrauchswert zuzüglich Vermögenswert erwerben zu müssen. Allerdings: Ganz neu ist dieses Geschäftsmodell nicht – Leasing, Miete und Verleih sind gang und gäbe. Besitz und Eigentum sind dadurch aber nicht weniger wichtig geworden. Besitz (Gebrauchsnutzen) ist lediglich flexibler verfügbar und leichter konsumierbar.

Szenario 2: Die Sharing Economy sorgt für einen effizienten Mitteleinsatz

Wahrscheinlichkeit:

Die zunehmende Entkopplung von Eigentum und Besitz sorgt dafür, dass vorhandene Ressourcen effizienter eingesetzt werden können. Wer bislang mit dem Erwerb einer Bohrmaschine die verdinglichte Lizenz zum Löcherbohren erworben hat, reservierte damit eine Ressource für sich – nämlich den kompletten zukünftigen Gebrauchswert der Bohrmaschine. Will jemand anderes ebenfalls ein Loch bohren, muss auch dieser in die Vorleistung gehen und eine Maschine mit ihrem kompletten zukünftigen Gebrauchswert erwerben. Dies ist keine sehr effiziente Verteilung, zumal unter Umständen der erworbene Gebrauchswert gar nicht vollständig verbraucht wird.

Schon eine Verbesserung des Secondhand-Marktes stellt eine Effizienzsteigerung dar. Noch wirksamer ist es aber, Gebrauchsnutzen nicht mehr in verdinglichter Form zu handeln, sondern in flexiblen Lizenzen. Statt einer Bohrmaschine erwerben wir das Recht, Löcher zu bohren. Grundvoraussetzung dafür ist allerdings das Vertrauen, dieses Recht jederzeit und ohne große Kosten und Aufwand umsetzen zu können.

Szenario 3: Sharing Economy führt zu einem neuen Umgang mit der Umwelt und Ressourcen

Wahrscheinlichkeit:

Ein weit verbreiteter Glaube und tragischer Irrtum ist dagegen, dass die Sharing Economy gleichbedeutend mit Konsumverzicht, Ressourceneinsparung, Nachhaltigkeit oder Umweltschutz ist. Natürlich: Effizienzsteigerung vermindert Verschwendung. Insofern lässt sich ein Nachhaltigkeitsaspekt nachweisen. Relevant ist aber am Ende nicht der Anteil der Verschwendung, sondern der Gesamtverbrauch. Den eigentlichen Verbrauch vermindert die Shareconomy aber nicht. Im Gegenteil: Shareconomy macht die Dinge leichter zugänglich und fördert so den Konsum. Dies liegt schon in der DNA der Unternehmen: Uber, Drivenow, Car2go oder Flinkster treten schließlich nicht mit dem Anspruch an, möglichst wenig Fahrten zu vermitteln. Im Gegenteil: Sie wollen es ermöglichen, auch dann noch das Auto zu benutzen, wenn man es eigentlich aus Praktikabiliätsgründen (Parkplatz, Fixkosten) nicht tun würde. Alle durch den Konsum erzeugten Kosten (Beim Carsharing: Verkehr, Treibstoff, Abnutzung von Fahrzeugen und Infrastruktur, etc.) werden nicht etwa minimiert, sondern gesteigert. Lediglich Parkplätze werden gespart – was die Nutzung von Autos in der Innenstadt wieder attraktiver werden lässt. Unterm Strich wird der Effizienzgewinn in eine Konsumsteigerung umgesetzt.

Szenario 4: Sharing Economy beschleunigt den Konsum

Wahrscheinlichkeit:

Eigentum und Besitz sind Konstanten, die auch in 25 Jahren nichts an Bedeutung verlieren. Im Gegenteil: Der Unterschied zwischen beiden Begriffen wird in Zukunft transparenter, sie entkoppeln sich. Immer mehr Dinge lassen sich flexibel, kleinteilig und passgenau buchen. Ökonomische Grundprinzipien werden sich dadurch nicht ändern – Miete, Tausch, Leasing, Pacht, Lizenzen und Gemeinschaftseigentum (beispielsweise in Form eines Maschinenrings in der Landwirtschaft) sind nichts grundlegend Neues.

Digitalisierung steigert die Effizienz
Neu ist hingegen die Kleinteiligkeit, mit der die Produkte angeboten werden können. Die Digitalisierung und Vernetzung ermöglichen es, Plattformen mit hohen Skaleneffekten bereitzustellen. Steht die Plattform einmal, fallen die Zusatzkosten für eine einzelne Buchung, Transaktion oder Auslieferung kaum noch ins Gewicht. Dies erlaubt extrem kleinteilige Geschäftsmodelle.

  • Beispiel Carsharing:
    Bei einem Freefloating-Anbieter fällt die Bereitstellung des Fahrzeugs und des Treibstoffs mit hohen Kosten ins Gewicht – die Anzahl der Buchungsvorgänge im Selfservice-System ist dagegen ein vernachlässigbarer Faktor. Im Gegenteil: Je häufiger gebucht wird, desto geringer werden die anteiligen Plattformkosten. Erst durch diesen Digitalisierungsfortschritt wird das minutengenaue Freefloating-Geschäftsmodell wirtschaftlich. Der Kunde erhält im Gegenzug eine erhebliche Nutzungserleichterung, weil auch sein Aufwand für die Buchung und Abholung des Mietwagens sinkt.
  • Beispiel Musikstreaming:
    Früher erhielt man mit dem Eigentum an einer CD das verdinglichte Recht, diese beliebig oft zu hören. Der digitale Musikvertrieb ersetzte dieses Recht durch eine Lizenz. Zugleich entfallen Produktions- und Distributionskosten des Trägermediums beinahe komplett. Es entstehen nur noch anteilige Plattformkosten mit erwähnten Skaleneffekten. Bedeutet: Ist die gigantische Musikbibliothek einmal im Netz, entstehen für die Einzeltransaktion keine nennenswerten Zusatzkosten mehr. Ob dem Nutzer Zugriff auf ein einziges oder eine Million Alben gewährt werden, spielt kostenseitig keine Rolle. Gleiches gilt für die Lizenzierung: Ob der Anbieter mit dem Künstler eine Lizenz für einen Download oder eine Million Einzelstreams abrechnet, bleibt nahezu kostenneutral.

Digitalisierung ist die Automatisierung von Dienstleistung. Dadurch lässt sich Nutzen deutlich kleinteiliger und damit effizienter verteilen. Anders gesagt: Weniger verdinglichter Nutzen in Form von Autos, Bohrmaschinen und Musik-CDs liegt unnötig in Parkhäusern, Kellern und Regalen brach.

Deutschland in 25 Jahren
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie, mit der iBusiness in den kommenden Monaten Szenarien für die Entwicklung Deutschlands in den kommenden 25 Jahren entwickeln will. Sie werden auf der Zukunftskonferenz ‚Zukunfthing 2041‚ am 10. November 2016 (im Vorfeld der 25-Jahre – Geburtstagsparty von iBusiness) mit interessierten Branchenexperten diskutiert und vertieft.

Aber werden wir deswegen weniger Musik hören, Auto fahren oder Löcher bohren? Wohl eher nicht. Im Gegenteil: Weil die Angebote besser verfügbar sind, sinkt die Hürde sinkt, sie zu nutzen. Die Effizienzsteigerung wird durch Konsum kompensiert – ähnlich wie energieeffiziente Antriebe vor allem dazu geführt haben, dass die durchschnittliche Motorleistung gestiegen ist, aber der Durchschnittsverbrauch konstant geblieben ist.

In der Umweltökonomie wird dieses Phänomen als Rebound-Effekt bezeichnet: Höhere Effizienz führt zu höherer Nachfrage. Das kennt man schon seit dem 19. Jahrhundert. Die ersten Dampfmaschinen nach James Watt verbrauchten weniger Kohle als die vorigen Modelle. Und trotzdem verbrannte im ganzen Königreich plötzlich so viel von dem Rohstoff wie kaum zuvor – denn nun lohnte sich der Einsatz von Dampfmaschinen in immer mehr Einsatzzwecken.

Die Shareconomy ist daher vor allem ein Instrument, an bestehenden Wachstumsgrenzen – Stichwort: Urbanisierung – entlang zu optimieren, um weiteres Wachstum zu ermöglichen.

Wie die Einführung einer Währung

Der Effizienzgewinn durch Lizenzierung des Nutzens ist dabei in gewisser Weise mit der Einführung des Papiergeldes vergleichbar. In Zeiten des Tauschhandels verließ man sich darauf, dass der getauschte Gegenstand an sich einen Wert hatte. Dies änderte sich mit der Einführung von Papierwährungen: Von nun an macht nur Vertrauen eine Währung stabil. Genauso verhält es sich mit Eigentum und Besitz: Das Eigentum an einer Bohrmaschine repräsentiert die konkrete Möglichkeit, jederzeit Löcher bohren zu können. Damit ich dies gegen ein abstraktes Recht eintausche, Löcher bohren zu können, muss ich das Vertrauen haben, jederzeit darauf zugreifen zu können. Wie bei der Einführung einer nicht-goldgedeckten Papierwährung ist auch bei der Shareconomy Vertrauen und Zuverlässigkeit der wesentliche Faktor. Digitale Plattformen sind aufgrund ihrer Transparenz in der Lage, Verfügbarkeit sehr zuverlässig und transparent sicherzustellen.

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